Urbane Multimobilität für Wolfsburg

Wolfsburg ist eine Autostadt! Mit diesem deutlichen Bekenntnis versehen, hatte die Stadt Wolfsburg ein Klimaschutz Teilkonzept für den Sektor Verkehr beauftragt. Durch die offenbar überzeugende Kombination aus Strategieberatung und Wissenschaft konnten wir 2013 im Team mit dem Wuppertalinstitut für Klima, Umwelt Energie die Ausschreibung gewinnen. Nun liegt das Konzept vor – und es ist etwas anders geworden als viele erwartet hatten. 

Ein Klimaschutzkonzept im Sektor Verkehr für die bedeutendste deutsche Autostadt zu machen war insbe-sondere für die Projektkommunikation und strategische Beratung eine spannende Herausforderung. Die besondere Affinität der Wolfsburger Bürger zum PKW wurde zu Beginn des Prozesses stets betont. Zwischen den Zeilen stand die Befürchtung, dass ein Klimaschutz-Teilkonzept zur klimafreundlichen Mobilität im deutlichen Widerspruch zur Pkw-Affinität steht und damit auch Stück Wolfsburger Identität als führender Automobilstandort in Frage gestellt werden müsste. So hat es auch niemanden überrascht, dass die CO2-Bilanz die Dominanz des Pkws bei den Emissionen im Stadtgebiet deutlich aufzeigt, mit der Bewertung der Pendlerströme noch eine Schippe drauf legt und der Modal Split in Wolfsburg weniger einer Stadt, als einer ländlichen Region entspricht. Diese Fakten waren allseits zu befürchten.

Dominanz des Pkw ist normal für den Verkehrssektor in Deutschland

Wolfsburg steht damit jedoch nicht allein. Immerhin liegen neben dem Wohnungsbestand die größten Re-duktionspotenziale für CO2-Emissionen beim Sektor Verkehr. Entscheidend für ein kommunales Klima-schutzkonzept ist jedoch, welche Potenziale sich sowohl durch die fortschreitende technologische Entwick-lung, als auch durch kommunale Aktivitäten erschließen lassen. Zur Aufgabe gehörten zwei Szenarien. Ein Referenzszenario wählt eine Entwicklung, die allein auf die technologische Entwicklung ohne zusätzliche Aktivitäten der Kommune setzt. Ein Klimaschutzszenario unterstellt hingegen modellhafte Aktivitäten der Kommune in Richtung einer multimodalen Mobilität.
Wolfsburg ist ein wirtschaftlich starker Technologiestandort mit Akteuren, die es gewohnt sind, projektori-entiert zu denken und gemeinsam zu handeln. Die Potenzialanalyse konnte sich auf vielfältige Projektansätze stützen und unsere Handlungsempfehlungen konzentrierten sich darauf, Projekte strategisch zu-sammenzuführen und teilweise auch neue Blickwinkel aufzuzeigen.

Das Problem ist weniger der CO2-Ausstoß als der Verkehrsinfarkt

Die gemeinsame Arbeit kommt letztendlich zu dem Ergebnis, dass ein Großteil der möglichen CO2-Minderung aus der Technologieentwicklung bei den Fahrzeugen resultieren wird. Diese Entwicklung kann eine Kommune nicht beeinflussen. Die größten Handlungsmöglichkeiten der Kommune liegen allein bei den Voraussetzungen zur Veränderung des Modal-Splits für die zurückgelegten Wege im Stadtgebiet. Hier muss es durch gezielte Kooperationen gelingen, den Modal Split deutlich zugunsten des Umweltverbunds zu entwickeln: Ohne zunehmend multimodale Mobilität wird auch dem bereits spürbar drohenden Verkehrs-infarkt des prosperierenden Wirtschaftsstandorts nichts entgegenzusetzen sein. Das Konzept konzentriert  sich daher insbesondere auf Strategien zur qualitativen Entwicklung eines multimodalen Umweltverbunds. In vier ausgewählten Handlungsfeldern haben wir entsprechende Leitmotive und Handlungsleitlinien formuliert und geben damit auch vier grundlegende strategische Projektempfehlungen:

Stadtstruktur und Wohnumfeld: Carsharing und Wohnungswirtschaft zusammenführen

Bei der geplanten Entwicklung neuer Siedlungsgebiete der Wolfsburger Wohnbauoffensive, sollte eine gezielte Verbindung von Mobilitätsangeboten und Immobilien eine Markterschließung für multimodale Mo-bilitätsdienstleistungen beschleunigen. Wohnen und Mobilität bilden ein integriertes Produkt. Das Konzept beschreibt dazu eine geeignete Vorgehensweise und gibt Hinweise zu inhaltlichen Schwerpunkten.

Infrastruktur der Mobilität: Radverkehrsplan für die Gesamtstadt aufstellen

Schneller, komfortabler und vernetzt mit dem Nahverkehr muss es jeden Morgen Spaß machen mit den Fahrrad über gut gestaltete Wege zur Arbeit zu fahren. Ein Radverkehrsplan für die Gesamtstadt sollte die infrastrukturellen Voraussetzungen schaffen. Das entsprechende Kapitel gibt dazu inhaltliche Anregungen.

Verkehrsmittel: Stationsbasiertes E-Carsharing einführen

Carsharing fördert das multimodale Verkehrsverhalten und übernimmt damit für die Ziele des Klimaschutzes eine wichtige strategische Aufgabe. E-Carsharing spricht eine überwiegend junge Nutzergruppe an und passt sehr gut zum Technologiestanddort Wolfsburg. Das Kapitel widmet sich jedoch auch dem Verkehrs-management und der Vernetzung mit dem öffentlichen Nahverkehr.

Marketing und Kommunikation: Mitarbeiter multimobil machen

Anreizsysteme dienen der positiven Vermittlung von Verhaltenszielen. Der erhebliche Anteil der Volkswagenmitarbeiter an der Gesamtbevölkerung bietet eine besondere Chance zur vorbildlichen Neuordnung der Anreizsysteme im Sinne des Klimaschutzes. Das Kommunikationskonzept beschäftigt sich zudem mit Aspekten der Marktforschung und stellt mögliche Zielgruppen dar.

Alle Empfehlungen dieses Konzept nehmen bewusst keine Rücksicht auf Ressortzuständigkeiten sondern fordern integriertes, kooperatives Handeln der beteiligten Akteure heraus. Klar war auch, dass Wolfsburg kein Ort für eine Suffizienzdiskussion ist. Es war uns sehr wichtig, einen strategischen Beitrag zu leisten, der die Belange des Klimaschutzes mit den Belangen der Stadtentwicklung kompatibel macht und eine Entwicklungsstrategie für eine urbane Form der Mobilität aufzeigt. Gemeinsam mit dem Wuppertalinstitut freuen wir uns über die zahlreichen Rückmeldungen, dass dies offenbar gelungen ist. Die Stadt Wolfsburg hat das Konzept mittlerweile veröffentlicht. Ein PDF gibt es hier.